Wie werden wir in zehn Jahren arbeiten? Darüber haben wir mit Sarah Göckener vom Bildungszentrum des Handels, Frank Benölken von der Agentur für Arbeit und mit Prof. Dr. Birgit Apitzsch unterhalten, die zu diesem Thema am Lehrstuhl für Soziologie, Arbeit, Wirtschaft und Wohlfahrt der Ruhr-Universität Bochum forscht.
Die Arbeitswelt verändert sich derzeit rasant. Welche Veränderungen nehmen Sie in Ihrem Umfeld wahr?
Sarah Göckener: Es verändert sich schon seit geraumer Zeit ganz viel, vor allem durch künstliche Intelligenz und Digitalisierung, aber auch durch den demografischen Wandel. KI verunsichert junge Menschen. Sie befürchten, dass ihr erlernter Beruf – etwa in der Mediengestaltung oder im Büromanagement – obsolet wird.
Birgit Apitzsch: Rasant sind die Veränderungen durch die Möglichkeiten der hybriden Zusammenarbeit und natürlich durch KI und Large Language Models. Das wirft in der akademischen Ausbildung große Fragen auf, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften, wo es darum geht, zu denken, zu argumentieren und zu interpretieren.
Frank Benölken: Wir sind von der Automatisierung über die Digitalisierung zur KI gekommen. Aber der größte Trend, der Digitalisierung notwendig macht, ist der demografische Wandel. Im Kreis Recklinghausen werden in den nächsten zehn Jahren 25 Prozent der Beschäftigten in Rente gehen. Da brauchen wir Digitalisierung und KI, um die zukünftigen Bedarfe zu decken.
Die junge Generation muss sich also nicht sorgen, dass ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird?
Benölken: Es werden sich Dinge und Berufe verändern, aber die wenigsten Berufe werden komplett von der Bildfläche verschwinden. Der demografische Wandel wird alles überlagern. Wir wissen heute schon, dass Digitalisierung nicht nur im Helferbereich, sondern auch auf Expertenebene, etwa im Recht, voranschreitet. Aber ich kann jedem Jugendlichen die Sorge nehmen, dass irgendeiner auf den Arbeitsmarkt nicht gebraucht wird.
Apitzsch: In fast 40 Prozent aller Berufe in Deutschland lassen sich nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bis zu 70 Prozent der Tätigkeiten theoretisch durch KI substituieren. Diese Potenziale werden aber in Deutschland, anders als vielleicht in den USA, aufgrund des hohen Qualifikationsniveaus und politischen Rahmenbedingungen wahrscheinlich nicht im vollen Umfang verwirklicht werden. Und KI stößt auch an Grenzen: In der Rechtsberatung kann KI standardisierte Auskünfte geben, zum Beispiel zur Entschädigung bei Flugausfällen, aber hier wie in der klassischen Sozialrechtsberatung muss ein Mensch entscheiden, ob überhaupt ein Rechtsproblem vorliegt oder ob es um soziale oder psychologische Unterstützung geht. Eine KI kann dies nur sehr begrenzt leisten.
Göckener: Ich sehe KI vor allem als große Chance. Durch sie kann die Arbeit sogar wieder menschlicher werden. Wenn ich beispielsweise als Arbeitgeberin ein gutes KI-Tool habe, um bürokratische Aufgaben zu erledigen, haben meine Sozialpädagoginnen oder Psychologinnen wieder mehr Zeit für die Menschen und die eigentliche Betreuung. KI ersetzt keine menschlichen Fähigkeiten wie Empathie. Eine Excel-Tabelle, die nach Regeln funktioniert, soll eine KI machen. Dann haben die Mitarbeitenden Zeit, sich mit den Menschen zu beschäftigen.
Benölken: Wir sind in Deutschland ja auch dem Konzept der „Human Friendly Automation“ verpflichtet. Ich kann mir momentan z. B. noch keinen Pflegeroboter vorstellen. Persönliche Beratung bleibt wichtig, weil Menschen einen Austauschpartner brauchen, einen Menschen aus Fleisch und Blut, bei dem sie Empathie und Sympathie spüren. Aber die Berater sollen nicht mehr ihren Beratungsvermerk eintippen oder Einladungen aussprechen. Da können sie entlastet werden.
Dennoch gibt es seit Jahren eine hartnäckige Zahl an Menschen, die nicht vermittelt werden können.
Benölken: Ein Teil davon ist mangelnde Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten. Wir erleben sehr häufig mangelnde Bereitschaft, 30 Kilometer zur Arbeitsstelle zu fahren oder Zugeständnisse bei den gewünschten Berufen zu machen. Bei jungen Menschen besteht zudem eine große Orientierungslosigkeit, und wir machen es ihnen leicht, sich nicht entscheiden zu müssen. Das ist ein Stückweit ein Luxusproblem.
Göckener: Wir müssen damit umgehen, dass Biografien nicht mehr geradlinig sind. Wichtig ist, die Menschen nicht allein zu lassen. Neue Berufe, die durch die Digitalisierung entstehen, sind auch eine Chance, z. B. für Quereinsteiger.
Apitzsch: Die berufliche Qualifikation bleibt absolut zentral. Wir müssen uns in der akademischen Ausbildung fragen, wie unsere Studierenden die Fähigkeit behalten, Argumente selbst zu entwickeln und Qualitätsurteile über KI-Ergebnisse zu fällen. Oder ein Beispiel aus der Pflege: Wenn Pflegekräfte nur noch auf Knopfdruck Vitalwerte erhalten, verlieren sie möglicherweise die Fähigkeit, manuell Blutdruck zu messen.
Zum Schluss: Wie wird sich die Arbeit in den nächsten zehn Jahren noch verändern?
Apitzsch: Wir werden zunehmend digital arbeiten. Beratung und soziale Interaktion werden gleichzeitig wichtiger. Allerdings fürchte ich, dass Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung und Beschäftigung nach Geschlecht, geografischer oder sozioökonomischer Herkunft bestehen bleiben.
Göckener: Es entstehen andere und mehr Berufsfelder. Veränderungen hat es immer gegeben; der Wechsel von der Schreibmaschine zum PC war auch ein langer Weg. Etwas Ähnliches erleben wir jetzt mit KI. Wir sind zum Beispiel dabei, eine eigene KI für interne Verwaltungsaufgaben aufzubauen, um unser pädagogisches Personal zu entlasten, aber alles, was mit persönlichen Daten zu tun hat, bleibt den Menschen vorbehalten.
Benölken: Wir müssen gut aufpassen, welche KI wir nutzen, insbesondere im öffentlichen Bereich. Wir sorgen uns um IT-Sicherheit, Stabilität und die Abhängigkeit von ausländischen Anbietern wie Microsoft. Es darf uns nicht passieren, dass, wenn wir alles auf eine KI umgestellt haben, auf einmal der Stecker gezogen wird. Die Chancen überwiegen bei weitem, aber ein blindes Folgen der KI sollten wir tunlichst vermeiden. Wir werden immer Menschen brauchen, die die KI überprüfen können.